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Luchino Visconti. Pasqualino De Santis. Nicola Badalucco. Alle anzeigen. Aber er selbst, waehrend die Nation sie ehrte, er ward ihrer nicht froh, und es schien ihm, als ermangle sein Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der Freude, mehr als irgend ein innerer Gehalt, ein gewichtigerer Vorzug, die Freude der geniessenden Welt bildeten.
Er fuerchtete sich vor dem Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd, die ihm das Essen bereitete, und dem Diener, der es ihm auftrug; fuerchtete sich vor den vertrauten Angesichten der Berggipfel und-waende, die wiederum seine unzufriedene Langsamkeit umstehen wuerden.
Und so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei, Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer ertraeglich und ergiebig werde.
Reisen also,--er war es zufrieden. Nicht gar weit, nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im liebenswuerdigen Sueden So dachte er, waehrend der Laerm der elektrischen Tram die Ungererstrasse daher sich naeherte, und einsteigend beschloss er, diesen Abend dem Studium von Karte und Kursbuch zu widmen.
Auf der Plattform fiel ihm ein, nach dem Manne im Basthut, dem Genossen dieses immerhin folgereichen Aufenthaltes, Umschau zu halten.
Doch wurde ihm dessen Verbleib nicht deutlich, da er weder an seinem vorherigen Standort, noch auf dem weiteren Halteplatz, noch auch im Wagen ausfindig zu machen war.
Zweites Kapitel Der Autor der klaren und maechtigen Prosa-Epopoee vom Leben Friedrichs von Preussen; der geduldige Kuenstler, der in langem Fleiss den figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee versammelnden Romanteppich, "Maja" mit Namen, wob; der Schoepfer jener starken Erzaehlung, die "Ein Elender" ueberschrieben ist und einer ganzen dankbaren Jugend die Moeglichkeit sittlicher Entschlossenheit jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich und damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet der leidenschaftlichen Abhandlung ueber "Geist und Kunst", deren ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement ueber naive und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war zu L.
Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter, Verwaltungsfunktionaere gewesen, Maenner, die im Dienste des Koenigs, des Staates, ihr straffes, anstaendig karges Leben gefuehrt hatten.
Innigere Geistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unter ihnen verkoerpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in der vorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter eines boehmischen Kapellmeisters, zugekommen.
Von ihr stammten die Merkmale fremder Rasse in seinem Aeussern. Die Vermaehlung dienstlich nuechterner Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen liess einen Kuenstler und diesen besonderen Kuenstler erstehen.
Da sein ganzes Wesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlich frueh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persoenlichen Praegnanz seines Tonfalls frueh fuer die Oeffentlichkeit reif und geschickt.
Beinahe noch Gymnasiast, besass er einen Namen. Zehn Jahre spaeter hatte er gelernt, von seinem Schreibtische aus zu repraesentieren, seinen Ruhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein musste denn viele Ansprueche draengen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswuerdigen ein , guetig und bedeutend zu sein.
Der Vierziger hatte, ermattet von den Strapazen und Wechselfaellen der eigentlichen Arbeit, alltaeglich eine Post zu bewaeltigen, die Wertzeichen aus aller Herren Laendern trug.
Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talent geschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde, fordernde Teilnahme der Waehlerischen zugleich zu gewinnen.
So, schon als Juengling von allen Seiten auf die Leistung--und zwar die ausserordentliche--verpflichtet, hatte er niemals den Muessiggang, niemals die Fahrlaessigkeit der Jugend gekannt.
Als er um sein fuenfunddreissigstes Jahr in Wien erkrankte, aeusserte ein feiner Beobachter ueber ihn in Gesellschaft: "Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so gelebt"--und der Sprecher schloss die Finger seiner Linken fest zur Faust--; "niemals so"--und er liess die geoeffnete Hand bequem von der Lehne des Sessels haengen.
Das traf zu; und das Tapfer-Sittliche daran war, dass seine Natur von nichts weniger als robuster Verfassung und zur staendigen Anspannung nur berufen, nicht eigentlich geboren war.
Aerztliche Fuersorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossen und auf haeuslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaft war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen muessen, dass er einem Geschlecht angehoerte, in dem nicht das Talent, wohl aber die physische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seiner Erfuellung bedarf,--einem Geschlechte, das frueh sein Bestes zu geben pflegt und in dem das Koennen es selten zu Jahren bringt.
Aber sein Lieblingswort war "Durchhalten",--er sah in seinem Friedrich-Roman nichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als der Inbegriffleitend-taetiger Tugend erschien.
Auch wuenschte er sehnlichst, alt zu werden, denn er hatte von jeher dafuer gehalten, dass wahrhaft gross, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Kuenstlertum zu nennen sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen charakteristisch fruchtbar zu sein.
Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er hoechlich der Zucht,--und Zucht war ja zum Gluecke sein eingeborenes Erbteil von vaeterlicher Seite.
Mit vierzig, mit fuenfzig Jahren wie schon in einem Alter, wo andere verschwenden, schwaermen, die Ausfuehrung grosser Plaene getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stuerzen kalten Wassers ueber Brust und Ruecken und brachte dann, ein Paar hoher Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Haeupten des Manuskripts, die Kraefte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbruenstig gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar.
Es war verzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seiner Moralitaet, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen, in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, fuer das Erzeugnis gedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, waehrend sie vielmehr in kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Groesse emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punkte vortrefflich waren, weil ihr Schoepfer mit einer Willensdauer und Zaehigkeit, derjenigen aehnlich, die seine Heimatprovinz eroberte, jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehalten und an die eigentliche Herstellung ausschliesslich seine staerksten und wuerdigsten Stunden gewandt hatte.
Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und tiefe Wirkung zu ueben vermoege, muss eine tiefe Verwandtschaft, ja Uebereinstimmung zwischen dem persoenlichen Schicksal seines Urhebers und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen.
Die Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weit entfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzuege daran zu entdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber der eigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwaegbares, ist Sympathie.
Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar ausgesprochen, dass beinahe alles Grosse, was dastehe, als ein Trotzdem dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Koerperschwaeche, Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei.
Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war geradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schluessel zu seinem Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die aeussere Gebaerde seiner eigentuemlichsten Figuren war?
Ueber den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte schon fruehzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: dass er die Konzeption "einer intellektuellen und juenglinghaften Maennlichkeit" sei, "die in stolzer Scham die Zaehne aufeinanderbeisst und ruhig dasteht, waehrend ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen".
Das war schoen, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzu passivischen Praegung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schoenste Sinnbild, wenn nicht der Kunst ueberhaupt, so doch gewiss der in Rede stehenden Kunst.
Welches Heldentum aber jedenfalls waere zeitgemaesser als dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande der Erschoepfung arbeiten, der Ueberbuerdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmaechtig von Wuchs und sproede von Mitteln, durch Willensverzueckung und kluge Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Groesse abgewinnen.
Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Und sie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sich bestaetigt, erhoben, besungen darin, sie wussten ihm Dank, sie verkuendeten seinen Namen.
Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von ihr, war er oeffentlich gestrauchelt, hatte Missgriffe getan, sich blossgestellt, Verstoesse gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort und Werk.
Aber er hatte die Wuerde gewonnen, nach welcher, wie er behauptete, jedem grossen Talente ein natuerlicher Drang und Stachel eingeboren ist, ja, man kann sagen, dass seine ganze Entwicklung ein bewusster und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie zuruecklassender Aufstieg zur Wuerde gewesen war.
Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet das Ergoetzen der buergerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Juengling.
Er hatte dem Geiste gefroent, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben, Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent verdaechtigt, die Kunst verraten,--ja, waehrend seine Bildwerke die glaeubig Geniessenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der jugendliche Kuenstler, die Zwanzigjaehrigen durch seine Zynismen ueber das fragwuerdige Wesen der Kunst, des Kuenstlertums selbst in Atem gehalten.
Aber es scheint, dass gegen nichts ein edler und tuechtiger Geist sich rascher, sich gruendlicher abstumpft als gegen den scharfen und bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiss ist, dass die schwermuetig gewissenhafteste Gruendlichkeit des Juenglings Seichtheit bedeutet im Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes, das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darueber hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefuehl und selbst die Leidenschaft im Geringsten zu laehmen, zu entmutigen, zu entwuerdigen geeignet ist.
Wie waere die beruehmte Erzaehlung vom "Elenden" wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen den unanstaendigen Psychologismus der Zeit, verkoerpert in der Figur jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit, aus ethischer Velleitaet, in die Arme eines Unbaertigen treibt und aus Tiefe Nichtswuerdigkeiten begehen zu duerfen glaubt?
Die Wucht des Wortes, mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkuendete die Abkehr von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund, die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, dass alles verstehen alles verzeihen heisse, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog, war jenes "Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit", auf welches ein wenig spaeter in einem der Dialoge des Autors ausdruecklich und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam.
Seltsame Zusammenhaenge! War es eine geistige Folge dieser "Wiedergeburt", dieser neuen Wuerde und Strenge, dass man um dieselbe Zeit ein fast uebermaessiges Erstarken seines Schoenheitssinnes beobachtete, jene adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmaessigkeit der Formgebung, welche seinen Produkten fortan ein so sinnfaelliges, ja gewolltes Gepraege der Meisterlichkeit und Klassizitaet verlieh?
Aber moralische Entschlossenheit jenseits des Wissens, der aufloesenden und hemmenden Erkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine sittliche Vereinfaeltigung der Welt und der Seele und also auch ein Erstarken zum Boesen, Verbotenen, zum sittlich Unmoeglichen?
Und hat Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich zugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische Gleichgueltigkeit in sich schliesst, ja, wesentlich bestrebt ist, das Moralische unter ihr stolzes und unumschraenktes Szepter zu beugen?
Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem Massenzutrauen einer weiten Oeffentlichkeit begleitet wird, als jene, die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes vollzieht?
Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu spotten geneigt, wenn ein grosses Talent dem libertinischen Puppenstande entwaechst, die Wuerde des Geistes ausdrucksvoll wahrzunehmen sich gewoehnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt, die voll unberatener, hart selbstaendiger Leiden und Kaempfe war und es zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte.
Etwas Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs Vorfuehrungen ein, sein Stil entriet in spaeteren Jahren der unmittelbaren Kuehnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er wandelte sich ins Mustergueltig-Feststehende, Geschliffen-Herkoemmliche, Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Ueberlieferung es von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, dass die Unterrichtsbehoerde ausgewaehlte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen Schullesebuecher uebernahm.
Es war ihm innerlich gemaess, und er lehnte nicht ab, als ein deutscher Fuerst, soeben zum Throne gelangt, dem Dichter des "Friedrich" zu seinem fuenfzigsten Geburtstag den persoenlichen Adel verlieh.
Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und dort waehlte er fruehzeitig Muenchen zum dauernden Wohnsitz und lebte dort in buergerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen Einzelfaellen zuteil wird.
Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter mit einem Maedchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer Gluecksfrist durch den Tod getrennt.
Eine Tochter, schon Gattin, war ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen. Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgroesse, bruenett, rasiert.
Sein Kopf erschien ein wenig zu gross im Verhaeltnis zu der fast zierlichen Gestalt. Sein rueckwaerts gebuerstetes Haar, am Scheitel gelichtet, an den Schlaefen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine hohe, zerklueftete und gleichsam narbige Stirn.
Der Buegel einer Goldbrille mit randlosen Glaesern schnitt in die Wurzel der gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war gross, oft schlaff, oft ploetzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten.
Bedeutende Schicksale schienen ueber dies meist leidend seitwaerts geneigte Haupt hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier jene physiognomische Durchbildung uebernommen hatte, welche sonst das Werk eines schweren, bewegten Lebens ist.
Hinter dieser Stirn waren die blitzenden Repliken des Gespraechs zwischen Voltaire und dem Koenige ueber den Krieg geboren; diese Augen, muede und tief durch die Glaeser blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjaehrigen Krieges gesehen.
Auch persoenlich genommen ist ja die Kunst ein erhoehtes Leben. Sie beglueckt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie graebt in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginaerer und geistiger Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei kloesterlicher Stille des aeusseren Daseins, auf die Dauer eine Verwoehntheit, Ueberfeinerung, Muedigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster Leidenschaften und Genuesse sie kaum hervorzubringen vermag.
Drittes Kapitel Mehrere Geschaefte weltlicher und literarischer Natur hielten den Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in Muenchen zurueck.
Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig Stunden verweilte und sich am naechstfolgenden Morgen nach Pola einschiffte.
Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose, welches jedoch rasch zu erreichen waere, und so nahm er Aufenthalt auf einer seit einigen Jahren geruehmten Insel der Adria, unfern der istrischen Kueste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten redendem Landvolk und schoen zerrissenen Klippenpartien dort, wo das Meer offen war.
Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche, geschlossen oesterreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes ruhevoll innigen Verhaeltnisses zum Meere, das nur ein sanfter, sandiger Strand gewaehrt, verdrossen ihn, liessen ihn nicht das Bewusstsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und auf einmal, zugleich ueberraschend und selbstverstaendlich, stand ihm sein Ziel vor Augen.
Wenn man ueber Nacht das Unvergleichliche, das maerchenhaft Abweichende zu erreichen wuenschte, wohin ging man?
Aber das war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte er reisen wollen. Er saeumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kuendigen.
Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein geschwindes Motorboot ihn und sein Gepaeck in dunstiger Fruehe ueber die Wasser in den Kriegshafen zurueck, und er ging dort nur an Land, um sogleich ueber einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag.
Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalitaet, veraltet, russig und duester. In einer hoehlenartigen, kuenstlich erleuchteten Koje des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender Hoeflichkeit genoetigt wurde, sass hinter einem Tische, den Hut schief in der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein ziegenbaertiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschaeftsgebaren die Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine ausstellte.
Sie sind bedient, mein Herr! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von unwiderstehlicher Anziehungskraft fuer den Gebildeten, ihrer Geschichte sowohl wie ihrer gegenwaertigen Reize wegen!
Er kassierte eilig und liess mit Croupiergewandtheit den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen. Meine Herren! Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurueck.
Einen Arm auf die Bruestung gelehnt, betrachtete er das muessige Volk, das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die Passagiere an Bord.
Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des ersten Verdecks, Polenser Handelsgehuelfen, wie es schien, die sich in angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten.
Sie machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen, schwatzten, lachten, genossen selbstgefaellig das eigene Gebaerdenspiel und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschaeften die Hafenstrasse entlang gingen und den Feiernden mit dem Stoeckchen drohten, ueber das Gelaender gebeugt, zungengelaeufige Spottreden nach.
Einer, in hellgelbem, uebermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter Krawatte und kuehn aufgebogenem Panama, tat sich mit kraehender Stimme an Aufgeraeumtheit vor allen andern hervor.
Kaum aber hatte Aschenbach ihn genauer ins Auge gefasst, als er mit einer Art von Entsetzen erkannte, dass der Juengling falsch war. Er war alt, man konnte nicht zweifeln.
Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen Strohhut Peruecke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes Schnurrbaertchen und die Fliege am Kinn gefaerbt, sein gelbes und vollzaehliges Gebiss, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und seine Haende, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines Greises.
Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wussten, bemerkten sie nicht, dass er alt war, dass er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug, zu Unrecht einen der Ihren spielte?
Selbstverstaendlich und gewohnheitsmaessig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte, behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine neckischen Rippenstoesse.
Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine Stirn mit der Hand und schloss die Augen, die heiss waren, da er zu wenig geschlafen hatte.
Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz gewoehnlich an, als beginne eine traeumerische Entfremdung, eine Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht Einhalt zu tun waere, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und aufs neue um sich schaute.
In diesem Augenblick jedoch beruehrte ihn das Gefuehl des Schwimmens, und mit unvernuenftigem Erschrecken aufsehend, gewahrte er, dass der schwere und duestere Koerper des Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer loeste.
Zollweise, unter dem Vorwaerts-und Rueckwaertsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand, und nach schwerfaelligen Manoevern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet dem offenen Meere zu.
Aschenbach ging nach der Steuerbordseite hinueber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte.
Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren zurueckgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen Gesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen von Naesse, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte.
Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen begann. In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schosse, ruhte der Reisende, und die Stunden verrannen ihm unversehens.
Es hatte zu regnen aufgehoert; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die ungeheure Scheibe des oeden Meeres; aber im leeren, ungegliederten Raume fehlt unserem Sinn auch das Mass der Zeit, und wir daemmern im Ungemessenen.
Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebaerden, mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er schlief ein.
Um Mittag noetigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen Speisesaal, auf den die Tueren der Schlafkojen muendeten, zu Haeupten eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehuelfen, einschliesslich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitaen pokulierten, die bestellte Mahlzeit naehme.
Sie war armselig, und er beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen: ob er denn nicht ueber Venedig sich erhellen wollte.
Er hatte nicht anders gedacht, als dass dies geschehen muesse, denn stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen.
Aber Himmel und Meer blieben trueb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu erreichen, als er, zu Lande sich naehernd, je angetroffen hatte.
Er stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er gedachte des schwermuetig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die Kuppeln und Glockentuerme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an Ehrfurcht, Glueck und Trauer zu massvollem Gesange geworden, und von schon gestalteter Empfindung muehelos bewegt, pruefte er sein ernstes und muedes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein spaetes Abenteuer des Gefuehles dem fahrenden Muessiggaenger vielleicht noch vorbehalten sein koenne.
Da tauchte zur Rechten die flache Kueste auf, Fischerboote belebten das Meer, die Baederinsel erschien, der Dampfer liess sie zur Linken, glitt verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt er ganz, da die Barke des Sanitaetsdienstes erwartet werden musste.
Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es nicht; man hatte keine Eile und fuehlte sich doch von Ungeduld getrieben.
Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von den militaerischen Hornsignalen, die aus der Gegend der oeffentlichen Gaerten her ueber das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drueben exerzierenden Bersaglieri aus.
Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend gebracht hatte.
Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die jugendlich ruestigen Stand zu halten vermocht, er war klaeglich betrunken. Verbloedeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden Fingern, schwankte er, muehsam das Gleichgewicht haltend, auf der Stelle, vom Rausche vorwaerts und rueckwaerts gezogen.
Da er beim ersten Schritte gefallen waere, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte er einen jammervollen Uebermut, hielt jeden, der sich ihm naeherte, am Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten, runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel.
Aschenbach sah ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefuehl von Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu entstellen; ein Gefuehl, dem nachzuhaengen freilich die Umstaende ihn abhielten, da eben die stampfende Taetigkeit der Maschine aufs neue begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch den Kanal von San Marco wieder aufnahm.
So sah er ihn denn wieder, den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfuerchtigen Blicken nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des Palastes und die Seufzerbruecke, die Saeulen mit Loew' und Heiligem am Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Maerchentempels, den Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, dass zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine Hintertuer betreten heisse, und dass man nicht anders als wie nun er, als zu Schiffe, als ueber das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Staedte erreichen sollte.
Die Maschine stoppte, Gondeln draengten herzu, die Fallreepstreppe ward herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen.
Aschenbach gab zu verstehen, dass er eine Gondel wuensche, die ihn und sein Gepaeck zur Station jener kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen.
Man billigt sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserflaeche hinab, wo die Gondelfuehrer im Dialekt mit einander zanken. Er ist noch gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit Muehsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird.
So sieht er sich minutenlang ausserstande, den Zudringlichkeiten des schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen.
Au revoir, excusez und bon jour, Euer Exzellenz! Aschenbach konnte entweichen. Wer haette nicht einen fluechtigen Schauder, eine geheime Scheu und Beklommenheit zu bekaempfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach langer Entwoehnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen?
Das seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unveraendert ueberkommen und so eigentuemlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Saerge sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in plaetschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre und duesteres Begaengnis und letzte, schweigsame Fahrt.
Und hat man bemerkt, dass der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, ueppigste, der erschlaffendste Sitz von der Welt ist?
Aschenbach ward es gewahr, als er zu Fuessen des Gondoliers, seinem Gepaeck gegenueber, das am Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte.
Die Ruderer zankten immer noch, rauh, unverstaendlich, mit drohenden Gebaerden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkoerpern, ueber der Flut zu zerstreuen.
Es war warm hier im Hafen. Lau angeruehrt vom Hauch des Scirocco, auf dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloss der Reisende die Augen im Genuss einer so ungewohnten als suessen Laessigkeit.
Die Fahrt wird kurz sein, dachte er; moechte sie immer waehren! In leisem Schwanken fuehlte er sich dem Gedraenge, dem Stimmengewirr entgleiten.
Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das Plaetschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze hellebardenartig bewehrt ueber dem Wasser stand und noch ein Drittes, ein Reden, ein Raunen,--das Fluestern des Gondoliers, der zwischen den Zaehnen, stossweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepresst waren, zu sich selber sprach.
Aschenbach blickte auf, und mit leichter Befremdung gewahrte er, dass um ihn her die Lagune sich weitete und seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war.
Es schien folglich, dass er nicht allzu sehr ruhen duerfe, sondern auf den Vollzug seines Willens ein wenig bedacht sein muesse.
Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort. Es war ein Mann von ungefaelliger, ja brutaler Physiognomie, seemaennisch blau gekleidet, mit einer gelben Schaerpe geguertet und einen formlosen Strohhut, dessen Geflecht sich aufzuloesen begann, verwegen schief auf dem Kopfe.
Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart unter der kurz aufgeworfenen Nase liessen ihn durchaus nicht italienischen Schlages erscheinen.
Obgleich eher schmaechtig von Leibesbeschaffenheit, so dass man ihn fuer seinen Beruf nicht sonderlich geschickt geglaubt haette, fuehrte er das Ruder, bei jedem Schlage den ganzen Koerper einsetzend, mit grosser Energie.
Ein paarmal zog er vor Anstrengung die Lippen zurueck und entbloesste seine weissen Zaehne. Die roetlichen Brauen gerunzelt, blickte er ueber den Gast hinweg, indem er bestimmten, fast groben Tones erwiderte: --Sie fahren zum Lido.
Aschenbach entgegnete: --Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San Marco uebersetzen zu lassen.
Ich wuensche den Vaporetto zu benutzen. Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die schroffe, ueberhebliche, einem Fremden gegenueber so wenig landesuebliche Art des Menschen schien unleidlich.
Er sagte: --Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepaeck in Verwahrung geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plaetscherte, das Wasser schlug dumpf an den Bug.
Und das Reden und Raunen begann wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zaehnen mit sich selbst.
Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmaessigen, unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel, seinen Willen durchzusetzen.
Wie weich er uebrigens ruhen durfte, wenn er sich nicht empoerte. Hatte er nicht gewuenscht, dass die Fahrt lange, dass sie immer dauern moege? Es war das Kluegste, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und es war hauptsaechlich hoechst angenehm.
Ein Bann der Traegheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen, schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlaegen des eigenmaechtigen Gondoliers in seinem Ruecken.
Die Vorstellung, einem Verbrecher in die Haende gefallen zu sein, streifte traeumerisch Aschenbachs Sinn,--unvermoegend, seine Gedanken zu taetiger Abwehr aufzurufen.
Verdriesslicher schien die Moeglichkeit, dass alles auf simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefuehl oder Stolz, die Erinnerung gleichsam, dass man dem vorbeugen muesse, vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen.
Er fragte: --Was fordern Sie fuer die Fahrt? Und ueber ihn hinsehend antwortete der Gondolier: --Sie werden bezahlen.
Es stand fest, was hierauf zurueckzugeben war. Aschenbach sagte mechanisch: --Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren, wohin ich nicht will.
Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du faehrst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast und mich hinterruecks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides schickst, wirst du mich gut gefahren haben.
Allein nichts dergleichen geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit musikalischen Wegelagerern, Maennern und Weibern, die zur Guitarre, zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren und die Stille ueber den Wassern mit ihrer gewinnsuechtigen Fremdenpoesie erfuellten.
Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Fluestern des Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stossweise und abgerissen mit sich selber sprach.
So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt fahrenden Dampfers. Neuerer Post Älterer Post Startseite.
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Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von ihr, war er oeffentlich gestrauchelt, hatte Missgriffe getan, sich blossgestellt, Verstoesse gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort und Werk.
Aber er hatte die Wuerde gewonnen, nach welcher, wie er behauptete, jedem grossen Talente ein natuerlicher Drang und Stachel eingeboren ist, ja, man kann sagen, dass seine ganze Entwicklung ein bewusster und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie zuruecklassender Aufstieg zur Wuerde gewesen war.
Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet das Ergoetzen der buergerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Juengling.
Er hatte dem Geiste gefroent, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben, Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent verdaechtigt, die Kunst verraten,--ja, waehrend seine Bildwerke die glaeubig Geniessenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der jugendliche Kuenstler, die Zwanzigjaehrigen durch seine Zynismen ueber das fragwuerdige Wesen der Kunst, des Kuenstlertums selbst in Atem gehalten.
Aber es scheint, dass gegen nichts ein edler und tuechtiger Geist sich rascher, sich gruendlicher abstumpft als gegen den scharfen und bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiss ist, dass die schwermuetig gewissenhafteste Gruendlichkeit des Juenglings Seichtheit bedeutet im Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes, das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darueber hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefuehl und selbst die Leidenschaft im Geringsten zu laehmen, zu entmutigen, zu entwuerdigen geeignet ist.
Wie waere die beruehmte Erzaehlung vom "Elenden" wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen den unanstaendigen Psychologismus der Zeit, verkoerpert in der Figur jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit, aus ethischer Velleitaet, in die Arme eines Unbaertigen treibt und aus Tiefe Nichtswuerdigkeiten begehen zu duerfen glaubt?
Die Wucht des Wortes, mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkuendete die Abkehr von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund, die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, dass alles verstehen alles verzeihen heisse, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog, war jenes "Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit", auf welches ein wenig spaeter in einem der Dialoge des Autors ausdruecklich und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam.
Seltsame Zusammenhaenge! War es eine geistige Folge dieser "Wiedergeburt", dieser neuen Wuerde und Strenge, dass man um dieselbe Zeit ein fast uebermaessiges Erstarken seines Schoenheitssinnes beobachtete, jene adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmaessigkeit der Formgebung, welche seinen Produkten fortan ein so sinnfaelliges, ja gewolltes Gepraege der Meisterlichkeit und Klassizitaet verlieh?
Aber moralische Entschlossenheit jenseits des Wissens, der aufloesenden und hemmenden Erkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine sittliche Vereinfaeltigung der Welt und der Seele und also auch ein Erstarken zum Boesen, Verbotenen, zum sittlich Unmoeglichen?
Und hat Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich zugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische Gleichgueltigkeit in sich schliesst, ja, wesentlich bestrebt ist, das Moralische unter ihr stolzes und unumschraenktes Szepter zu beugen?
Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem Massenzutrauen einer weiten Oeffentlichkeit begleitet wird, als jene, die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes vollzieht?
Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu spotten geneigt, wenn ein grosses Talent dem libertinischen Puppenstande entwaechst, die Wuerde des Geistes ausdrucksvoll wahrzunehmen sich gewoehnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt, die voll unberatener, hart selbstaendiger Leiden und Kaempfe war und es zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte.
Etwas Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs Vorfuehrungen ein, sein Stil entriet in spaeteren Jahren der unmittelbaren Kuehnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er wandelte sich ins Mustergueltig-Feststehende, Geschliffen-Herkoemmliche, Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Ueberlieferung es von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, dass die Unterrichtsbehoerde ausgewaehlte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen Schullesebuecher uebernahm.
Es war ihm innerlich gemaess, und er lehnte nicht ab, als ein deutscher Fuerst, soeben zum Throne gelangt, dem Dichter des "Friedrich" zu seinem fuenfzigsten Geburtstag den persoenlichen Adel verlieh.
Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und dort waehlte er fruehzeitig Muenchen zum dauernden Wohnsitz und lebte dort in buergerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen Einzelfaellen zuteil wird.
Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter mit einem Maedchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer Gluecksfrist durch den Tod getrennt.
Eine Tochter, schon Gattin, war ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen. Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgroesse, bruenett, rasiert.
Sein Kopf erschien ein wenig zu gross im Verhaeltnis zu der fast zierlichen Gestalt. Sein rueckwaerts gebuerstetes Haar, am Scheitel gelichtet, an den Schlaefen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine hohe, zerklueftete und gleichsam narbige Stirn.
Der Buegel einer Goldbrille mit randlosen Glaesern schnitt in die Wurzel der gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war gross, oft schlaff, oft ploetzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten.
Bedeutende Schicksale schienen ueber dies meist leidend seitwaerts geneigte Haupt hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier jene physiognomische Durchbildung uebernommen hatte, welche sonst das Werk eines schweren, bewegten Lebens ist.
Hinter dieser Stirn waren die blitzenden Repliken des Gespraechs zwischen Voltaire und dem Koenige ueber den Krieg geboren; diese Augen, muede und tief durch die Glaeser blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjaehrigen Krieges gesehen.
Auch persoenlich genommen ist ja die Kunst ein erhoehtes Leben. Sie beglueckt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie graebt in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginaerer und geistiger Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei kloesterlicher Stille des aeusseren Daseins, auf die Dauer eine Verwoehntheit, Ueberfeinerung, Muedigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster Leidenschaften und Genuesse sie kaum hervorzubringen vermag.
Drittes Kapitel Mehrere Geschaefte weltlicher und literarischer Natur hielten den Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in Muenchen zurueck.
Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig Stunden verweilte und sich am naechstfolgenden Morgen nach Pola einschiffte.
Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose, welches jedoch rasch zu erreichen waere, und so nahm er Aufenthalt auf einer seit einigen Jahren geruehmten Insel der Adria, unfern der istrischen Kueste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten redendem Landvolk und schoen zerrissenen Klippenpartien dort, wo das Meer offen war.
Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche, geschlossen oesterreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes ruhevoll innigen Verhaeltnisses zum Meere, das nur ein sanfter, sandiger Strand gewaehrt, verdrossen ihn, liessen ihn nicht das Bewusstsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und auf einmal, zugleich ueberraschend und selbstverstaendlich, stand ihm sein Ziel vor Augen.
Wenn man ueber Nacht das Unvergleichliche, das maerchenhaft Abweichende zu erreichen wuenschte, wohin ging man? Aber das war klar.
Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte er reisen wollen. Er saeumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kuendigen. Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein geschwindes Motorboot ihn und sein Gepaeck in dunstiger Fruehe ueber die Wasser in den Kriegshafen zurueck, und er ging dort nur an Land, um sogleich ueber einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag.
Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalitaet, veraltet, russig und duester. In einer hoehlenartigen, kuenstlich erleuchteten Koje des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender Hoeflichkeit genoetigt wurde, sass hinter einem Tische, den Hut schief in der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein ziegenbaertiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschaeftsgebaren die Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine ausstellte.
Sie sind bedient, mein Herr! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von unwiderstehlicher Anziehungskraft fuer den Gebildeten, ihrer Geschichte sowohl wie ihrer gegenwaertigen Reize wegen!
Er kassierte eilig und liess mit Croupiergewandtheit den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen.
Meine Herren! Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurueck. Einen Arm auf die Bruestung gelehnt, betrachtete er das muessige Volk, das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die Passagiere an Bord.
Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des ersten Verdecks, Polenser Handelsgehuelfen, wie es schien, die sich in angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten.
Sie machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen, schwatzten, lachten, genossen selbstgefaellig das eigene Gebaerdenspiel und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschaeften die Hafenstrasse entlang gingen und den Feiernden mit dem Stoeckchen drohten, ueber das Gelaender gebeugt, zungengelaeufige Spottreden nach.
Einer, in hellgelbem, uebermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter Krawatte und kuehn aufgebogenem Panama, tat sich mit kraehender Stimme an Aufgeraeumtheit vor allen andern hervor.
Kaum aber hatte Aschenbach ihn genauer ins Auge gefasst, als er mit einer Art von Entsetzen erkannte, dass der Juengling falsch war.
Er war alt, man konnte nicht zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen Strohhut Peruecke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes Schnurrbaertchen und die Fliege am Kinn gefaerbt, sein gelbes und vollzaehliges Gebiss, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und seine Haende, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines Greises.
Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wussten, bemerkten sie nicht, dass er alt war, dass er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug, zu Unrecht einen der Ihren spielte?
Selbstverstaendlich und gewohnheitsmaessig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte, behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine neckischen Rippenstoesse.
Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine Stirn mit der Hand und schloss die Augen, die heiss waren, da er zu wenig geschlafen hatte.
Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz gewoehnlich an, als beginne eine traeumerische Entfremdung, eine Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht Einhalt zu tun waere, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und aufs neue um sich schaute.
In diesem Augenblick jedoch beruehrte ihn das Gefuehl des Schwimmens, und mit unvernuenftigem Erschrecken aufsehend, gewahrte er, dass der schwere und duestere Koerper des Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer loeste.
Zollweise, unter dem Vorwaerts-und Rueckwaertsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand, und nach schwerfaelligen Manoevern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet dem offenen Meere zu.
Aschenbach ging nach der Steuerbordseite hinueber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte.
Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren zurueckgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen Gesichtskreise alles Land.
Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen von Naesse, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte.
Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen begann. In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schosse, ruhte der Reisende, und die Stunden verrannen ihm unversehens.
Es hatte zu regnen aufgehoert; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die ungeheure Scheibe des oeden Meeres; aber im leeren, ungegliederten Raume fehlt unserem Sinn auch das Mass der Zeit, und wir daemmern im Ungemessenen.
Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebaerden, mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er schlief ein.
Um Mittag noetigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen Speisesaal, auf den die Tueren der Schlafkojen muendeten, zu Haeupten eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehuelfen, einschliesslich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitaen pokulierten, die bestellte Mahlzeit naehme.
Sie war armselig, und er beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen: ob er denn nicht ueber Venedig sich erhellen wollte.
Er hatte nicht anders gedacht, als dass dies geschehen muesse, denn stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer blieben trueb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu erreichen, als er, zu Lande sich naehernd, je angetroffen hatte.
Er stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er gedachte des schwermuetig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die Kuppeln und Glockentuerme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an Ehrfurcht, Glueck und Trauer zu massvollem Gesange geworden, und von schon gestalteter Empfindung muehelos bewegt, pruefte er sein ernstes und muedes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein spaetes Abenteuer des Gefuehles dem fahrenden Muessiggaenger vielleicht noch vorbehalten sein koenne.
Da tauchte zur Rechten die flache Kueste auf, Fischerboote belebten das Meer, die Baederinsel erschien, der Dampfer liess sie zur Linken, glitt verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt er ganz, da die Barke des Sanitaetsdienstes erwartet werden musste.
Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es nicht; man hatte keine Eile und fuehlte sich doch von Ungeduld getrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von den militaerischen Hornsignalen, die aus der Gegend der oeffentlichen Gaerten her ueber das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drueben exerzierenden Bersaglieri aus.
Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend gebracht hatte.
Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die jugendlich ruestigen Stand zu halten vermocht, er war klaeglich betrunken.
Verbloedeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden Fingern, schwankte er, muehsam das Gleichgewicht haltend, auf der Stelle, vom Rausche vorwaerts und rueckwaerts gezogen.
Da er beim ersten Schritte gefallen waere, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte er einen jammervollen Uebermut, hielt jeden, der sich ihm naeherte, am Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten, runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel.
Aschenbach sah ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefuehl von Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu entstellen; ein Gefuehl, dem nachzuhaengen freilich die Umstaende ihn abhielten, da eben die stampfende Taetigkeit der Maschine aufs neue begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch den Kanal von San Marco wieder aufnahm.
So sah er ihn denn wieder, den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfuerchtigen Blicken nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des Palastes und die Seufzerbruecke, die Saeulen mit Loew' und Heiligem am Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Maerchentempels, den Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, dass zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine Hintertuer betreten heisse, und dass man nicht anders als wie nun er, als zu Schiffe, als ueber das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Staedte erreichen sollte.
Die Maschine stoppte, Gondeln draengten herzu, die Fallreepstreppe ward herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen.
Aschenbach gab zu verstehen, dass er eine Gondel wuensche, die ihn und sein Gepaeck zur Station jener kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen.
Man billigt sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserflaeche hinab, wo die Gondelfuehrer im Dialekt mit einander zanken.
Er ist noch gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit Muehsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird.
So sieht er sich minutenlang ausserstande, den Zudringlichkeiten des schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen.
Au revoir, excusez und bon jour, Euer Exzellenz! Aschenbach konnte entweichen. Wer haette nicht einen fluechtigen Schauder, eine geheime Scheu und Beklommenheit zu bekaempfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach langer Entwoehnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen?
Das seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unveraendert ueberkommen und so eigentuemlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Saerge sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in plaetschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre und duesteres Begaengnis und letzte, schweigsame Fahrt.
Und hat man bemerkt, dass der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, ueppigste, der erschlaffendste Sitz von der Welt ist?
Aschenbach ward es gewahr, als er zu Fuessen des Gondoliers, seinem Gepaeck gegenueber, das am Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte.
Die Ruderer zankten immer noch, rauh, unverstaendlich, mit drohenden Gebaerden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkoerpern, ueber der Flut zu zerstreuen.
Es war warm hier im Hafen. Lau angeruehrt vom Hauch des Scirocco, auf dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloss der Reisende die Augen im Genuss einer so ungewohnten als suessen Laessigkeit.
Die Fahrt wird kurz sein, dachte er; moechte sie immer waehren! In leisem Schwanken fuehlte er sich dem Gedraenge, dem Stimmengewirr entgleiten.
Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das Plaetschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze hellebardenartig bewehrt ueber dem Wasser stand und noch ein Drittes, ein Reden, ein Raunen,--das Fluestern des Gondoliers, der zwischen den Zaehnen, stossweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepresst waren, zu sich selber sprach.
Aschenbach blickte auf, und mit leichter Befremdung gewahrte er, dass um ihn her die Lagune sich weitete und seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war.
Es schien folglich, dass er nicht allzu sehr ruhen duerfe, sondern auf den Vollzug seines Willens ein wenig bedacht sein muesse.
Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort. Es war ein Mann von ungefaelliger, ja brutaler Physiognomie, seemaennisch blau gekleidet, mit einer gelben Schaerpe geguertet und einen formlosen Strohhut, dessen Geflecht sich aufzuloesen begann, verwegen schief auf dem Kopfe.
Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart unter der kurz aufgeworfenen Nase liessen ihn durchaus nicht italienischen Schlages erscheinen.
Obgleich eher schmaechtig von Leibesbeschaffenheit, so dass man ihn fuer seinen Beruf nicht sonderlich geschickt geglaubt haette, fuehrte er das Ruder, bei jedem Schlage den ganzen Koerper einsetzend, mit grosser Energie.
Ein paarmal zog er vor Anstrengung die Lippen zurueck und entbloesste seine weissen Zaehne. Die roetlichen Brauen gerunzelt, blickte er ueber den Gast hinweg, indem er bestimmten, fast groben Tones erwiderte: --Sie fahren zum Lido.
Aschenbach entgegnete: --Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San Marco uebersetzen zu lassen. Ich wuensche den Vaporetto zu benutzen.
Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die schroffe, ueberhebliche, einem Fremden gegenueber so wenig landesuebliche Art des Menschen schien unleidlich.
Er sagte: --Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepaeck in Verwahrung geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plaetscherte, das Wasser schlug dumpf an den Bug.
Und das Reden und Raunen begann wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zaehnen mit sich selbst. Was war zu tun?
Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmaessigen, unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel, seinen Willen durchzusetzen.
Wie weich er uebrigens ruhen durfte, wenn er sich nicht empoerte. Hatte er nicht gewuenscht, dass die Fahrt lange, dass sie immer dauern moege?
Es war das Kluegste, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und es war hauptsaechlich hoechst angenehm. Ein Bann der Traegheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen, schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlaegen des eigenmaechtigen Gondoliers in seinem Ruecken.
Die Vorstellung, einem Verbrecher in die Haende gefallen zu sein, streifte traeumerisch Aschenbachs Sinn,--unvermoegend, seine Gedanken zu taetiger Abwehr aufzurufen.
Verdriesslicher schien die Moeglichkeit, dass alles auf simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefuehl oder Stolz, die Erinnerung gleichsam, dass man dem vorbeugen muesse, vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen.
Er fragte: --Was fordern Sie fuer die Fahrt? Und ueber ihn hinsehend antwortete der Gondolier: --Sie werden bezahlen. Es stand fest, was hierauf zurueckzugeben war.
Aschenbach sagte mechanisch: --Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren, wohin ich nicht will.
Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du faehrst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast und mich hinterruecks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides schickst, wirst du mich gut gefahren haben.
Allein nichts dergleichen geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit musikalischen Wegelagerern, Maennern und Weibern, die zur Guitarre, zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren und die Stille ueber den Wassern mit ihrer gewinnsuechtigen Fremdenpoesie erfuellten.
Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Fluestern des Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stossweise und abgerissen mit sich selber sprach.
So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt fahrenden Dampfers. Aschenbach verliess am Stege die Gondel, unterstuetzt von jenem Alten, der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelle ist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinueber in das der Dampferbruecke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und den Ruderer nach Gutduenken abzulohnen.
Er wird in der Halle bedient, er kehrt zurueck, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, und Gondel und Gondolier sind verschwunden.
Ein schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnaediger Herr. Er ist der einzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern haben hierher telephoniert.
Er sah, dass er erwartet wurde. Da hat er sich fortgemacht. Aschenbach zuckte die Achseln. Aschenbach warf Muenzen hinein.
Er betrat das weitlaeufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus und begab sich durch die grosse Halle und die Vorhalle ins Office.
Da er angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverstaendnis empfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd hoeflicher Mann mit schwarzem Schnurrbart und in franzoesisch geschnittenem Gehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wies ihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz moeblierten Raum, den man mit starkduftenden Blumen geschmueckt hatte und dessen hohe Fenster die Aussicht aufs offene Meer gewaehrten.
Er trat an eines davon, nachdem der Angestellte sich zurueckgezogen, und waehrend man hinter ihm sein Gepaeck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte, blickte er hinaus auf den nachmittaeglich menschenarmen Strand und die unbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen in ruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte.
Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleich verschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seine Gedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug von Traurigkeit.
Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einem Lachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun waeren, beschaeftigen ihn ueber Gebuehr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam, Erlebnis, Abenteuer, Gefuehl.
Einsamkeit zeitigt das Originale, das gewagt und befremdend Schoene, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aber auch das Verkehrte, das Unverhaeltnismaessige, das Absurde und Unerlaubte.
Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohne eigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennoch grundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend wohl eben durch diesen Widerspruch.
Dazwischen gruesste er das Meer mit den Augen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zu wissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen das Zimmermaedchen einige Anordnungen zur Vervollstaendigung seiner Bequemlichkeit und liess sich von dem gruen gekleideten Schweizer, der den Lift bediente, ins Erdgeschoss hinunterfahren.
Als er zurueckkehrte, schien es schon an der Zeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau, nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewoehnt war, und fand sich trotzdem ein wenig verfrueht in der Halle ein, wo er einen grossen Teil der Hotelgaeste, fremd untereinander und in gespielter gegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartung des Essens, versammelt fand.
Er nahm eine Zeitung vom Tische, liess sich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, die sich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmen Weise unterschied.
Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf. Gedaempft, vermischten sich die Laute der grossen Sprachen.
Der weltgueltige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, fasste aeusserlich die Spielarten des Menschlichen zu anstaendiger Einheit zusammen.
Man sah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrige russische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit franzoesischen Bonnen.
Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in der Naehe ward polnisch gesprochen. Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei junge Maedchen, fuenfzehn-bis siebzehnjaehrig, wie es schien, und ein langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren.
Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schoen war. Sein Antlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und goettlichem Ernst, erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war es von so einmalig-persoenlichem Reiz, dass der Schauende weder in Natur noch bildender Kunst etwas aehnlich Gegluecktes angetroffen zu haben glaubte.
Was ferner auffiel, war ein offenbar grundsaetzlicher Kontrast zwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen die Geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen.
Die Herrichtung der drei Maedchen, von denen die Aelteste fuer erwachsen gelten konnte, war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmaessig kloesterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nuechtern und gewollt unkleidsam von Schnitt, mit weissen Fallkraegen als einziger Aufhellung, unterdrueckte und verhinderte jede Gefaelligkeit der Gestalt.
Das glatt und fest an den Kopf geklebte Haar liess die Gesichter nonnenhaft leer und nichtssagend erscheinen.
Gewiss, es war eine Mutter, die hier waltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben die paedagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Maedchen gegenueber geboten schien.
Weichheit und Zaertlichkeit bestimmten ersichtlich seine Existenz. Man hatte sich gehuetet, die Scheere an sein schoenes Haar zu legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, ueber die Ohren und tiefer noch in den Nacken.
Ein englisches Matrosenkostuem, dessen bauschige Aermel sich nach unten verengerten und die feinen Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Haende knapp umspannten, verlieh mit seinen Schnueren, Maschen und Stickereien der zarten Gestalt etwas Reiches und Verwoehntes.
Er sass, im Halbprofil gegen den Betrachtenden, einen Fuss im schwarzen Lackschuh vor den andern gestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsessels gestuetzt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer Haltung von laessigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewoehnt schienen.
War er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiss wie Elfenbein gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er einfach ein verzaerteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer Liebe getragen?
Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem Kuenstlernaturell ist ein ueppiger und verraeterischer Hang eingeboren, Schoenheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.
Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, dass die Mahlzeit bereit sei. Allmaehlich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastuer in den Speisesaal.
Nachzuegler, vom Vestibuel, von den Lifts kommend, gingen vorueber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber die jungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, in tiefem Sessel behaglich aufgehoben und uebrigens das Schoene vor Augen, wartete mit ihnen.
Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem Gesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben.
Mit hochgezogenen Brauen schob sie ihren Stuhl zurueck und verneigte sich, als eine grosse Frau, grau-weiss gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmueckt, die Halle betrat.
Die Haltung dieser Frau war kuehl und gemessen, die Anordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihres Kleides von jener Einfachheit, die ueberall da den Geschmack bestimmt, wo Froemmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt.
Sie haette die Frau eines hohen deutschen Beamten sein koennen. Etwas von phantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihren Schmuck, der in der Tat kaum schaetzbar war und aus Ohrgehaengen, sowie einer dreifachen, sehr langen Kette kirschengrosser, mild schimmernder Perlen bestand.
Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Kuss ueber die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurueckhaltenden Laecheln ihres gepflegten, doch etwas mueden und spitznaesigen Gesichtes ueber ihre Koepfe hinwegblickte und einige Worte in franzoesischer Sprache an die Erzieherin richtete.
Dann schritt sie zur Glastuer. Die Geschwister folgten ihr: die Maedchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnen die Gouvernante, zuletzt der Knabe.
Aus irgend einem Grunde wandte er sich um, bevor er die Schwelle ueberschritt, und da niemand sonst mehr in der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentuemlich daemmergrauen Augen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, in Anschauung versunken, der Gruppe nachblickte.
Was er gesehen, war gewiss in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Man war nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet, sie ehrerbietig begruesst und beim Eintritt in den Saal gebraeuchliche Formen beobachtet.
Allein das alles hatte sich so ausdruecklich, mit einem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtung dargestellt, dass Aschenbach sich sonderbar ergriffen fuehlte.
Er zoegerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in den Speisesaal hinueber und liess sich sein Tischchen anweisen, das, wie er mit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von dem der polnischen Familie entfernt war.
Muede und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich waehrend der langwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sann nach ueber die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmaessige mit dem Individuellen eingehen muesse, damit menschliche Schoenheit entstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und der Kunst und fand am Ende, dass seine Gedanken und Funde gewissen scheinbar gluecklichen Einfluesterungen des Traumes glichen, die sich bei ernuechtertem Sinn als vollstaendig schal und untauglich erweisen.
Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in dem abendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte die Nacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlich belebtem Schlaf.
Das Wetter liess sich am folgenden Tage nicht guenstiger an. Landwind ging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe, verschrumpft gleichsam, mit nuechtern nahem Horizont und so weit vom Strande zurueckgetreten, dass es mehrere Reihen langer Sandbaenke freiliess.
Als Aschenbach sein Fenster oeffnete, glaubte er den fauligen Geruch der Lagune zu spueren. Verstimmung befiel ihn.
Schon in diesem Augenblick dachte er an Abreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Fruehlingswochen hier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwer geschaedigt, dass er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen muessen.
Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druck in den Schlaefen, die Schwere der Augenlider sich ein?
Noch einmal den Aufenthalt zu wechseln wuerde laestig sein; wenn aber der Wind nicht umschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheit nicht voellig aus.
Um neun Uhr fruehstueckte er in dem hierfuer vorbehaltenen Buefettzimmer zwischen Halle und Speisesaal. In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz der grossen Hotels gehoert.
Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlen umher. Ein Klappern des Teegeraetes, ein halbgefluestertes Wort war alles, was man vernahm.
In einem Winkel, schraeg gegenueber der Tuer und zwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischen Maedchen mit ihrer Erzieherin.
Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neu geglaettet und mit geroeteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidern mit kleinen weissen Fallkraegen und Manschetten sassen sie da und reichten einander ein Glas mit Eingemachtem.
Sie waren mit ihrem Fruehstueck fast fertig. Der Knabe fehlte. Aschenbach laechelte. Nun kleiner Phaeake! Du scheinst vor diesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu geniessen.
Und ploetzlich aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers: "Oft veraenderten Schmuck und warme Baeder und Ruhe.
So geschah es, dass er dem Eintritt des Langschlaefers noch beiwohnte, den man dort drueben erwartete.
Sein Gehen war sowohl in der Haltung des Oberkoerpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen des weissbeschuhten Fusses von ausserordentlicher Anmut, sehr leicht, zugleich zart und stolz und verschoent noch durch die kindliche Verschaemtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendung in den Saal, die Augen aufschlug und senkte.
Laechelnd, mit einem halblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinen Platz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profil zuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak ueber die wahrhaft gottaehnliche Schoenheit des Menschenkindes.
Der Knabe trug heute einen leichten Blusenanzug aus blau und weiss gestreiftem Waschstoff mit rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen weissen Stehkragen abgeschlossen.
Auf diesem Kragen aber, der nicht einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte, ruhte die Bluete des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und ernsten Brauen, Schlaefen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt.
Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmaennisch kuehlen Billigung, in welche Kuenstler zuweilen einem Meisterwerk gegenueber ihr Entzuecken, ihre Hingerissenheit kleiden.
Und weiter dachte er: Wahrhaftig, erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange du bleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten des Personals durch die Halle, die grosse Terrasse hinab und gerade aus ueber den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgaeste.
Er liess sich von dem barfuessigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluse und Strohhut dort unten als Bademeister taetig zeigte, die gemietete Strandhuette zuweisen, liess Tisch und Sessel hinaus auf die sandig bretterne Plattform stellen und machte sich's bequem in dem Liegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sand gezogen hatte.
Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich geniessender Kultur am Rande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je.
Schon war die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern, bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschraenkt, auf den Sandbaenken lagen.
Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden sass, gab es spielende Bewegung und traeg hingestreckte Ruhe, Besuche und Geplauder, sorgfaeltige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die keck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoss.
Vorn auf dem feuchten und festen Sande lustwandelten Einzelne in weissen Bademaenteln, in weiten, starkfarbigen Hemdgewaendern.
Eine vielfaeltige Sandburg zur Rechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in den Farben aller Laender besteckt.
Verkaeufer von Muscheln, Kuchen und Fruechten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Huetten, die quer zur Reihe der uebrigen und zum Meere standen und auf dieser Seite einen Abschluss des Strandes bildeten, kampierte eine russische Familie: Maenner mit Baerten und grossen Zaehnen, muerbe und traege Frauen, ein baltisches Fraeulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufen der Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmuetig-haessliche Kinder, eine alte Magd im Kopftuch und mit zaertlich unterwuerfigen Sklavenmanieren.
Dankbar geniessend lebten sie dort, riefen unermuedlich die Namen der unfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst weniger italienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sie Zuckerwerk kauften, kuessten einander auf die Wangen und kuemmerten sich um keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft.
Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo waere es besser? Und die Haende im Schoss gefaltet, liess er seine Augen sich in den Weiten des Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen im eintoenigen Dunst der Raumeswueste.
Er liebte das Meer aus tiefen Gruenden: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Kuenstlers, der von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen, seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verfuehrerischen Hange zum Ungegliederten, Masslosen, Ewigen, zum Nichts.
Am Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das Vortreffliche mueht; und ist nicht das Nichts eine Form des Vollkommenen?
Wie er nun aber so tief ins Leere traeumte, ward ploetzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen Gestalt ueberschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten einholte und sammelte, da war es der schoene Knabe, der von links kommend vor ihm im Sande vorueberging.
Er ging barfuss, zum Waten bereit, die schlanken Beine bis ueber die Knie entbloesst, langsam, aber so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz gewoehnt, und schaute sich nach den querstehenden Huetten um.
Kaum aber hatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarer Eintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung sein Gesicht ueberzog.
Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund ward emporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertes Zerren, dass die Wange zerriss, und seine Brauen waren so schwer gerunzelt, dass unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen und boese und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses fuehrten.
Er blickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurueck, tat dann mit der Schulter eine heftig wegwerfende Bewegung und liess die Feinde im Ruecken.
Eine Art Zartgefuehl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham, veranlasste Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehen haette; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebt es, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zu machen.
Er war aber erheitert und erschuettert zugleich, das heisst: beglueckt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmuetigste Stueck Leben,--er stellte das Goettlich-Nichtssagende in menschliche Beziehungen; er liess ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zur Augenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen; und er verlieh der ohnehin durch Schoenheit bedeutenden Gestalt des Halbwuechsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihn ueber seine Jahre ernst zu nehmen.
Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den um die Sandburg beschaeftigten Gespielen gruessend anzukuendigen suchte.
Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu koennen, als zwei melodische Silben wie "Adgio" oder oefter noch "Adgiu" mit rufend gedehntem u-Laut am Ende.
Er freute sich des Klanges, er fand ihn in seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu.
Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit dem Fuellfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nach einer Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, die geniessenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durch gleichgueltige Taetigkeit zu versaeumen.
Er warf das Schreibzeug beiseite, er kehrte zum Meere zurueck, und nicht lange, so wandte er, abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem an der Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben und Bleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun.
Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nicht zu verfehlen. Mit anderen beschaeftigt, eine alte Planke als Bruecke ueber den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mit dem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk.
Es waren da mit ihm ungefaehr zehn Genossen, Knaben und Maedchen, von seinem Alter und einige juenger, die in Zungen, polnisch, franzoesisch und auch in Balkan-Idiomen durcheinander schwatzten.
Aber sein Name war es, der am oeftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einer namentlich, Pole gleich ihm, ein staemmiger Bursche, der aehnlich wie "Jaschu" gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenem Guertelanzug, schien sein naechster Vasall und Freund.
Sie gingen, als fuer diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strand entlang, und der, welcher "Jaschu" gerufen wurde, kuesste den Schoenen.
Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. Denn soviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung. Es war sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht des Himmels nicht zu durchdringen vermochte.
Traegheit fesselte den Geist, indes die Sinne die ungeheure und betaeubende Unterhaltung der Meeresstille genossen.
Statt wie gewohnt Sweeney Todd Movie4k Arbeitssommer in den Bergen zu verbringen, will er sich im warmen Süden erholen. Die Homoerotik belege die innere Spannung der Kunst und weise auf ihre apollinisch-dionysische Ambivalenz. Fortan verbringt er seine Zeit damit, den Jungen zu beobachten, Judith Shekoni jedoch engeren Kontakt mit ihm oder seiner Familie aufzunehmen. März Französische Filme Liste ZDF gezeigt. Esslinger Zeitung
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